Gleichheit ist kein Geschenk – sie ist unsere gemeinsame Baustelle

Stellen Sie sich vor, Sie stehen am Anfang eines Rennens. Neben Ihnen: Menschen aller Hautfarben, Sprachen, Religionen. Doch während Sie auf einem ebenen Feld starten, stehen andere knietief im Schlamm. Einige tragen schwere Rucksäcke mit sich – gefüllt mit Armut, Diskriminierung, Bildungsbenachteiligung.

Ist das ein faires Rennen?

Ist das Gleichheit?

Nein.

Es ist ein Bild unserer Gesellschaft – und ein Weckruf an unser Gewissen.

Alexis de Tocqueville erkannte bereits im 19. Jahrhundert, was wir heute deutlicher denn je spüren:

„Wenn die gesellschaftlichen Bedingungen ungleich und die Menschen voneinander verschieden sind, gibt es immer einige sehr gebildete, sehr weise, geistig sehr einflussreiche Einzelmenschen – und eine sehr unwissende, sehr bornierte Masse.“

Doch Tocqueville führt weiter – und genau darin liegt unser Hoffnungsschimmer:

„Je gleicher und ähnlicher die Bürger einander werden, desto geringer wird die Neigung eines jeden, blind einem bestimmten Menschen oder einer bestimmten Klasse zu glauben.“

Was heißt das?

Gleichheit ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit.

Gleichheit ist der Motor der Demokratie.

Sie schützt uns – vor geistiger Abhängigkeit, vor Unterwerfung, vor dem Ruf nach dem „starken Mann“.

Doch Gleichheit fällt nicht vom Himmel.

Gleichheit muss organisiert, gepflegt, verteidigt werden.

Und wer trägt diese Verantwortung?

Nicht die Parlamente allein. Nicht die Bundesministerien.

Es sind die Gemeinden. Die Städte. Die lokalen Gemeinschaften.

Dort, wo man sich kennt. Wo Herkunft weniger zählt als Haltung.

Wo Integration nicht verwaltet, sondern gelebt wird.

Denn je größer ein Land wird, je mehr Macht im Zentrum kumuliert, desto schneller werden die Bedürfnisse der Regionen übersehen – und zertrampelt.

Montesquieu wusste das. In seiner Analyse der Despotien zeigte er:

„Im Herzen eines despotischen Staates lebt man anders als an seinem Rand.“

Er meinte damit: Wo Zentralismus herrscht, verlieren Menschen an den Rändern – geografisch wie gesellschaftlich – den Anschluss.

Und aus Bürgern werden Untertanen.

Eine Demokratie, die scheitert, fällt nicht zurück in eine Monarchie.

Nein. Tocqueville warnte uns:

„Sie fällt in die Despotie.“

Nicht zurück, sondern hinab.

Und der Abstieg beginnt oft leise.

Mit Ungleichheit.

Mit dem Gefühl: „Meine Stimme zählt nicht.“

Mit der Erfahrung: „Mein Leben ist weniger wert.“

Deshalb ist Gleichheit nicht nur ein Ideal, sie ist ein Bollwerk.

Gegen Zynismus.

Gegen Hass.

Gegen Radikalisierung.

Und sie beginnt dort, wo wir leben.

In den Klassenzimmern unserer Kinder.

In den Begegnungsräumen, Foren und Veranstaltungen.

Auf den Sportplätzen, in den Jugendzentren, in den Volkshochschulen.

Und deshalb fordere ich:

Geben wir allen Menschen die gleichen Startbedingungen – unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder dem Geburtsort ihrer Eltern.

Denn die Ungleichheit unserer Gesellschaft ist keine „Schere“, die sich öffnet.

Sie ist ein Messer.

Ein Messer, das in die Zukunft unserer Generationen sticht.

In jenes Herz, das für Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität schlägt.

Die gute Nachricht?

Die Gemeinden, die Nachbarschaften, die zivilgesellschaftlichen Kräfte –

das sind die Nervenbahnen einer lebendigen Demokratie.

Das sind die Brandmelder gegen die stille Glut der Despotie.

Und das sind diejenigen, die sagen können:

„Nein – bei uns startet niemand im Schlamm.“