Zeitpräferenz

Stellen Sie sich vor: Zwei Züge, beide fahren in dieselbe Richtung, beide bringen Sie sicher ans Ziel. Der eine braucht zweieinhalb Stunden. Der andere drei. Der erste ist vollgestopft mit Menschen. Die Sitze eng, die Luft stickig, Gespräche kurz, hektisch, abgehackt. Der zweite Zug? Weniger voll. Bequeme Sitze. Raum zum Atmen. Das Personal begegnet den Reisenden mit Wärme, Würde, einem Lächeln, das nicht gekauft ist.

Hand aufs Herz – welchen Zug würden Sie nehmen?

Die meisten würden wohl antworten: den ersten. Weil er schneller ist. Weil jede gesparte Minute zählt. Weil wir es so gelernt haben – und weil wir es längst fühlen: Schnelligkeit ist Fortschritt. Langsamkeit? Ein Makel.

Aber ist Schnelligkeit wirklich besser als Lebendigkeit?

In Österreich fahren viele Züge. Auch nach Wien. Und oft sieht man, wie sich Menschen in den schnelleren drängen, als hinge ihr Leben davon ab. Sie zahlen mit Enge, mit Lärm, mit innerem Stress – nur um ein paar Minuten zu gewinnen, die ohnehin sofort im digitalen Strom verfließen.

Was läuft hier schief?

Die Soziologie der Beschleunigung

Der Soziologe Hartmut Rosa nennt es das Beschleunigungstheorem: Unsere Gesellschaft unterliegt einer dreifachen Dynamik – technische, soziale und individuelle Beschleunigung greifen ineinander. Maschinen werden schneller. Arbeitsabläufe dichter. Und wir selbst? Hetzen hinterher. Getrieben, nicht geführt.

„Immer schneller, immer mehr, aber nie genug“ – so beschreibt Rosa das Lebensgefühl der Spätmoderne.

Paul Virilio sprach gar vom Rasenden Stillstand: Je schneller alles wird, desto weniger verändert sich in der Tiefe. Geschwindigkeit ersetzt nicht Entwicklung – sie überdeckt sie.

Wir verlieren das Gefühl für Dauer. Für das, was trägt. Für das, was wächst.

Der Wandel der Arbeitskultur – von Würde zu Lohn

Früher kämpften Menschen um etwas anderes. Um einen Arbeitsplatz, an dem sie gesehen wurden. Gehört. Respektiert. Um Kollegialität. Um Würde. Es waren Werte, für die gestreikt, protestiert, geschrieben wurde.

Heute beobachten Soziologen ein Paradox:

Trotz wachsendem Bewusstsein für Gleichheit, Diversität und seelische Gesundheit zeigen Studien, dass immer mehr Arbeitnehmer bereit sind, genau das aufzugeben – für ein paar Hundert Euro mehr im Monat. Nicht der Arbeitsplatz mit menschlichem Maß zählt, sondern jener mit Boni, Diensthandy und digitalem Pingpong.

Ist das nicht paradox?

Oder schlimmer: Ist das nicht schizophren?

In einer Gesellschaft, in der Gleichheit wie ein Gebet in Mündern zirkuliert – im Herzen Europas – genügt oft ein kleiner Gehaltsvorteil, und schon legt man die eigene Würde ab wie ein altes, unbequem gewordenes Kleidungsstück.

Warum?

Weil kurzfristiges Denken regiert. Weil wir in Zyklen von Quartalszahlen, Deadlines und Lebensläufen leben. Der Einfluss der Zeitpräferenz – also die Tendenz, Gegenwart über Zukunft zu stellen – durchzieht alle Lebensbereiche. Sie wird angeheizt durch Zinssysteme, Konsumlogik, permanente Verfügbarkeit.

Wir zahlen mit Zukunft – für Gegenwart.