Wenn Geschichten entscheiden

Stellen Sie sich ein Kind vor, das auf dem Sofa sitzt, in eine Decke gekuschelt,

die Augen groß, das Herz schnell – gebannt von der Geschichte, die ihm vorgelesen wird.

In diesem Moment glaubt es alles.

Dass Tiere sprechen.

Dass ein kleiner Junge fliegen kann.

Dass ein Apfel vergiftet – und ein Kuss rettet.

Es ist nur eine Geschichte.

Oder?

Wann genau hören wir auf, Geschichten zu glauben?

Ich behaupte: Nie.

Denn wir alle, gebildet oder nicht, rational oder gefühlvoll, Kind oder Professor

 – wir leben in Narrativen.

In Geschichten, die uns sagen, was richtig ist.

Was falsch ist.

Wofür es sich lohnt zu kämpfen.

Wofür wir schweigen sollen.

Psychologen zeigen, wie Narrative strategisch eingesetzt werden, um Entscheidungen zu beeinflussen.

Nicht durch Fakten. Sondern durch Rahmung, durch Bilder, durch Wiederholung.

Ein einfaches Beispiel:

Wenn ich sage:

„Du bekommst heute einen Bonus von 5 Euro.“

klingt das anders als:

„Ich ziehe dir heute nichts vom Lohn ab.“

Beides ist ökonomisch identisch.

Aber emotional? Welten!

Die Geschichte, in die ich eine Entscheidung verpacke, ist mächtiger als die Entscheidung selbst.

Und das gilt nicht nur im Konferenzraum – sondern überall:

In der Werbung („Weil du es dir wert bist“ – was sagt das eigentlich über alle, die es sich nicht leisten können?)

In der Politik („Sichere Grenzen“ – klingt harmlos, oder bedrohlich?)

In der Wissenschaftskommunikation („Verzicht zum Wohle des Planeten“ – oder: „Verlust unserer Lebensweise“?)

Und hier ist die Provokation, die ich Ihnen heute zumute:

Wie viele Ihrer Überzeugungen sind wirklich Ihre eigenen?

Wie viele „Fakten“, auf die Sie bauen, sind in Wahrheit… Geschichten, geschickt erzählt?

Ein Beispiel, das selbst Kinder verstehen – und doch tief in unsere Gesellschaft hineinragt:

Stellen Sie sich einen Jungen vor, der oft hört:

„Du bist kein Mathetyp.“

Und ein Mädchen, das hört:

„Sprachlich bist du brillant.“

Zwei Sätze. Zwei Narrative.

Zwei Zukünfte.

Denn das Kind wird nicht nur das wiederholen, was es gehört hat.

Es wird es glauben. Und leben.

Und – ganz besonders – in Organisationen, in Führungssituationen, in den stillen Dynamiken von Status, Loyalität und Gesichtsverlust.

Denn Narrative sind nicht neutral.

Sie dienen – oft unbewusst – auch der emotionalen Selbstentlastung.

Wenn eine Entscheidung schwerfällt,

wenn sie mit Widersprüchen behaftet ist,

wenn sie emotional unangenehm ist –

dann bietet das Narrativ einen Ausweg:

Eine Geschichte, die alles verständlich, vernünftig, logisch erscheinen lässt.

Nicht unbedingt wahr. Aber nützlich.

Ich frage Sie:

Wie oft erleben wir, dass Entscheidungen nicht auf Basis der Realität getroffen werden –

sondern auf Basis der Geschichte, die man sich selbst darüber erzählt?

Oder schlimmer noch:

Auf Basis der Geschichte, die man braucht, um die Entscheidung vor anderen zu rechtfertigen.

Und dann wird diese Geschichte übernommen, fast mechanisch – von jenen, die sie weitertragen müssen.

Nicht, weil sie wahr ist.

Sondern weil sie plausibel klingt.

Weil sie klar ordnet, wer hier rational handelt – und wer nicht.

Das ist gefährlich.

Denn so wird nicht nur das Handeln, sondern auch das Fühlen der Beteiligten umgeschrieben.

Wer in dieser Geschichte nicht mehr als Mensch erscheint – sondern als Problem, als Störgröße, als Risiko –

dessen Geschichte verschwindet.

Und mit ihr: sein Recht auf Deutung.

Was, wenn das Narrativ, das Sie über jemanden hören,

mehr über den Erzähler sagt –

als über die Person, von der es handelt?

Was, wenn jemand nicht „zu fordernd“ ist –

sondern jemand anderes mit Ambition nicht umgehen kann?

Was, wenn jemand nicht „emotional instabil“ ist –

sondern jemand anderes seine eigenen Unsicherheiten nicht fühlen will?

Was, wenn jemand nicht „unpassend“ ist –

sondern einfach nicht hineinpasst in ein System,

das bestimmte Wahrheiten nicht hören will?

Wir nennen das dann professionell.

Oder notwendig.

Oder strategisch.

Aber vielleicht war es nur eines:

bequem.

Narrative können schützen.

Aber sie können auch tarnen.

Sie verschleiern, was eigentlich gesagt, gefühlt oder verantwortet werden müsste. Sie erlauben es, Entscheidungen zu treffen – ohne sich den Spiegel vorzuhalten. Und sie funktionieren am besten, wenn alle mitspielen. Wenn sich niemand mehr fragt: Wessen Geschichte ist das eigentlich?

Stellen Sie sich vor, es gibt eine kleine Geschichte, die viele von uns kennen –

die Geschichte von einem Dreieck.

Drei Menschen stehen darin:

Einer an der Spitze, zwei an den Ecken unten.

Jeder sieht etwas anderes.

Jeder sagt etwas anderes.

Doch das Besondere an diesem Dreieck ist:

Die Spitze bestimmt, welche Geschichte erzählt wird.

Welche Rollen jeder spielt.

Die beiden an den Ecken unten?

Sie sind gefangen zwischen den Geschichten, die erzählt werden.

Zwischen Erwartungen und Deutungen.

Zwischen dem, was gesagt wird – und dem, was eigentlich ist.

So entsteht Druck.

Nicht sichtbar, aber spürbar.

Nicht offen ausgesprochen, aber immer da.

In so einem Dreieck kann schnell eine Geschichte zur Wahrheit werden,

auch wenn sie nicht die ganze Wahrheit ist.

Und wer die Geschichte bestimmt,

hat die Macht, Menschen in Ecken zu stellen, in die sie nicht gehören.

Das ist das Schwierige:

Nicht alle Stimmen werden gehört.

Manche Geschichten werden laut, andere bleiben leise –

oder ganz unbeachtet.

Und jetzt wird’s unangenehm:

Was, wenn auch unsere Grundwerte – Gleichheit, Freiheit, Gerechtigkeit

– nur Narrative sind?

Nicht falsch, nicht unwahr.

Aber: Nicht naturgegeben. Sondern konstruiert.

Wer erzählt sie?

Wem nützen sie?

Was verschweigen sie?