Mittelalter und 21. Jahrhundert – eine Parallele

Im Theater der europäischen Geschichte hat sich über Jahrhunderte hinweg ein dramatisches Stück abgespielt – ein Stück von Gewalt, Macht und letztlich staatlicher Ordnung. Norbert Elias hat uns diese Soziogenese der Staatenbildung eindrucksvoll beschrieben

Im frühen Mittelalter jagten unzählige lokale Fürsten und Ritter einander um Gebiete, Einfluss und Ehre nach. Jeder Herrschaftsbereich war ein zersplittertes Fragment – kleine Gruppen, die sich in endlosen Machtkämpfen aufreiben. Jeder Kollege ein Konkurrent. Jeder Krieger ein Konkurrent.

Doch mit wachsender Interdependenz, Geldwirtschaft und Handel begann ein Prozess: Territorien verdichteten sich, Fürsten wurden mächtiger, ihre Konkurrenten fielen einer nach dem anderen. Die Masse schrumpfte, die Macht konzentrierte sich

Mit jedem Sieg schrumpfte die Zahl der Rivalen – bis schließlich in vielen Teilen Europas ein Fürst über viele Länder herrschte. In England und Frankreich kristallisierten sich Königreiche heraus, deren Macht sich über zahlreiche ehemalige Feudalgebiete erstreckte

Wissen Sie woran mich das erinnert?

An soziologische Gesellschaftsanalyse im 21. Jahrhundert!

Lassen Sie mich mit einer bitteren Wahrheit beginnen:

Je älter eine Demokratie wird, desto langsamer wächst die Wirtschaft

– und desto schmerzhafter wächst die Ungleichheit.

Warum?

Weil sich in großen Gesellschaften das Netz von Interessengruppen immer dichter zieht – Verteilungskoalitionen zerfasern in der Masse.

Kleine Gruppen hingegen können sich besser organisieren, kontrollieren ihre Leistung und erhalten den Wettbewerb am Leben.

Weil in der riesigen, komplexen Gesellschaft die Macht in kleinen, mächtigen Machtgruppen zementiert wird.

Diese kleinen Zirkel können sich besser verbünden, ihre Interessen besser durchsetzen – während die Masse zersplittert und zerstreut bleibt.

Stellen Sie sich vor: Wir leben in einer Welt, in der Macht vertikal, scharf und unausweichlich wirkt – ein aufgeladenes Konzept, das tief in unseren frühesten Erfahrungen wurzelt.

Schon als Kind nehmen wir die Welt als Hierarchie wahr: „Oben“ steht für Macht und Bedeutung, „unten“ für Unterordnung und Abhängigkeit. Warum? Weil wir als Säuglinge in die Arme unserer Eltern gehoben werden – jene, von denen alle Aufmerksamkeit und Information kommt. Das prägt unser Verständnis von sozialer Ordnung – ein „Oben und Unten“, das unser ganzes Leben formt.

Aber – und hier liegt die zentrale Erkenntnis: Soziale Ungleichheit ist kein Naturgesetz. Sie ist menschengemacht. Und sie ist veränderbar.