Gedankenschichten

Essays zu Wirtschaft, Gesellschaft und Freiheit

Wenn wir über „Machtverteilung“ sprechen, denken viele an Tortenstücke, an Posten, an Einflusszonen.

Aber das Wort „Machtverteilung“ ist – im Grunde – ein sprachliches Unding.

Denn: Macht ist kein Besitz. Macht ist Beziehung.

Sie existiert nicht im luftleeren Raum. Sie entsteht zwischen uns – in Abhängigkeiten, in Rollen, in Strukturen.

Und genau deshalb müssen wir aufhören, sie wie Münzen auf einem Spielbrett zu behandeln.

Wir müssen fragen: Wer hängt von wem ab? Und wer gestaltet diese Beziehungen?

Leistungsgerechtigkeit? Oder eine Ideologie?

Wir leben in einer Gesellschaft, die sich auf das Leistungsprinzip beruft.

„Wer etwas leistet, wird etwas erreichen“, so die Parole.

Klingt gerecht – ist es aber nicht.

Denn diese sogenannte Leistungsideologie beschränkt sich nicht auf das Fordern von Leistung.

Nein.

Sie legitimiert gleichzeitig auch die ungleiche Verteilung von Chancen.

Ulrich Beck hat es messerscharf formuliert:

„Das Bildungssystem ist die zentrale Rechtfertigungsfabrik sozialer Ungleichheit.“

Und das beginnt früh: Wer im falschen Viertel geboren wird, hat schlechtere Karten.

Wer keine Beziehungen hat, bekommt keinen Praktikumsplatz.

Ist das Gerechtigkeit?

Oder ist das ein Tarnmantel für alte Privilegien?

Früher sprach man vom „Klassenschicksal“.

Heute spricht man von: „Deinem persönlichen Problem“.

Soziale Ungleichheit ist nicht verschwunden – sie hat nur ihr Kostüm gewechselt.

Sie tritt nicht mehr als kollektives Schicksal auf

 – sondern als individuelles Versagen.

Verloren im Dschungel der Selbstoptimierung fühlen sich viele als wären sie selbst schuld:

Am Misserfolg. An der Angst. An der Einsamkeit.

„Gesellschaftliche Probleme schlagen um in psychische Konflikte“, sagt Beck.

Und er hat recht.

Denn das System sagt dir: Du bist das Problem. Nicht wir.

Und selbst, wenn jemand es „schafft“, wenn jemand sozial aufsteigt – zahlt er oft einen hohen Preis.

Denn der Wechsel einer Schicht ist kein Kleidungswechsel.

Man kann Herkunft nicht einfach abstreifen. Man verliert Bindung, Zugehörigkeit, Sprache – manchmal auch sich selbst.

Soziale Mobilität, so preist man sie. Aber oft hinterlässt sie leere Stellen im Herzen und Risse in der Identität.

Wenn wir Menschen ständig in Bewegung halten, verlieren sie irgendwann die Fähigkeit zur Verwurzelung.

Sie werden funktional – aber innerlich leer.

Sie funktionieren – aber sie fühlen nichts mehr.

Und genau das – dieses emotionale Stumpfwerden – ist der Preis, den wir kollektiv zahlen, wenn wir Mobilität über Stabilität stellen.

Aber so bedrückend dieses Bild auch ist – es ist immer noch das kleinere Übel.

Denn so sehr soziale Mobilität uns erschöpfen kann – sie lässt uns wenigstens noch wählen.

Ob wir bleiben oder gehen.

Ob wir wechseln oder verwurzeln.

Freiheit kann irritieren – aber Unfreiheit zerstört.

Stellen wir uns für einen Moment das Gegenteil vor:

Nicht ein nervöses Pendeln, sondern ein zementiertes Leben.

Nicht das Zuviel an Möglichkeiten, sondern das absolute Fehlen davon.

Ein Staat, in dem der Arbeitgeber und der Gesetzgeber ein und dieselbe Macht ist.

Ein System, in dem kein Markt existiert, sondern nur Mangel

– und die Angst, die Stimme zu erheben, weil es keine Ausweichmöglichkeiten gibt.

Das war das kommunistische Russland.

Dort gab es keine Konkurrenz, keinen freien Wechsel, keine Selbstverantwortung

– nur Plan, Partei und Paralyse.

Wer nicht gehorchte, verlor nicht einfach seinen Job – sondern seine Existenz.

Nicht selten endete der Weg der Widerspenstigen im Gefängnis, im Exil oder im Grab.

Und warum?

Weil es keinen anderen Arbeitgeber gab als den Staat.

Weil die sogenannte „Solidarität“ zur Zwangsgemeinschaft wurde.

Weil Menschen, die auf Gnade statt auf Recht angewiesen sind, immer abhängig

– und damit unfrei – bleiben.

Hayek hat es unmissverständlich formuliert:

Der Weg zur Knechtschaft beginnt dort, wo zentrale Planung Freiheit ersetzt.

Deshalb ist es gefährlich, einen Weltstaat zu idealisieren –

einen allmächtigen Regler, der „für alle das Beste“ entscheiden soll.

Wer den Staat zum einzigen Akteur macht, schafft keine Gleichheit –

sondern macht jeden Einzelnen erpressbar.

Soziale Mobilität kann hart sein.

Sie kann instabil machen.

Aber sie lässt die Tür offen.

Der zentrale Staat verriegelt sie – für immer.

Freiheit ist nicht bequem.

Aber sie ist – im wahrsten Sinne – lebenswichtig.

Kommen wir zum gegenwärtigen Arbeitsmarkt

Eine Bühne der Spaltung..

Sie  ist die zentrale Drehscheibe sozialer Ungleichheit.

Aber nicht, weil er neutral wäre.

Sondern weil er bewusst gespalten wurde:

In Menschen mit Sicherheit – und Menschen mit Dauerunsicherheit:

  • In den primären Markt – mit Karriere, Perspektive, Tarifvertrag.
  • Und den sekundären Markt – mit Minijobs, Leiharbeit, Konkurrenzdruck.

Diese Spaltung ist kein Versehen.

Sie ist Strategie.

„Teile und herrsche“, sagt Richard Edwards.

Spalte die Belegschaft, verhindere Solidarität – und halte die Kontrolle.

Und mitten in all dem: die Frauen.

Frauen, die pflegen, erziehen, emotional halten – und gleichzeitig im Job funktionieren müssen.

Aber sagen Sie mir: Warum wird Hausarbeit nicht bezahlt?

Warum zählt die Care-Arbeit nicht, obwohl sie das Rückgrat unserer Gesellschaft ist?

Ganz einfach:

„Arbeit, die nicht bezahlt wird, zählt nicht. Und Arbeit, die nicht zählt, wird nicht bezahlt.“

Eine doppelte Unsichtbarkeit.

Und was ist die Folge?

Frauen, die sich zerrissen fühlen.

Zwischen Mutterrolle und Job,

zwischen Erwartung und Realität

Kapital, Arbeit, Staat – und der fehlende vierte Punkt

Das berühmte Dreieck: Kapital, Arbeit, Staat.

Doch was fehlt?

Die Frau. Die Familie. Die Reproduktionsarbeit.

All das, was unsere Gesellschaft überhaupt erst am Laufen hält, wird ignoriert.

Was wäre, wenn wir dieses Dreieck zu einem Viereck machen?

Wenn wir das Unsichtbare sichtbar machen?

Denn Kinder gedeihen nicht in Fabriken.

Und Gesellschaft funktioniert nicht, wenn die halbe Menschheit unbezahlt, ungehört, ungeachtet bleibt.

Die Ausgrenzung beginnt nicht erst an der Grenze. Sie beginnt in unseren Köpfen.

Wenn Geflüchtete als „Last“ erscheinen – dabei sind sie das Produkt einer Weltordnung, die wir mitgestalten.

Der Reichtum des Nordens basiert auf der Verarmung des Südens.

Und auch hier wieder: Der Arbeitsmarkt wird manipuliert.

Geflüchtete als Reservearmee, als Druckmittel – als Instrument in einem perfiden Wettbewerb, in dem Kapital immer gewinnt.

Und man könnte meinen, es sei alles Zufall – doch ich vermute:

Da steckt System dahinter.

Denn sehen wir uns die Bologna-Reform an.

Offiziell ging es um Mobilität, Vergleichbarkeit, Internationalisierung.

Doch in Wahrheit könnte sie ein Instrument gewesen sein, um das Angebot an Arbeitskraft international auf Linie zu bringen.

Eine Anpassung der Abschlüsse bedeutet nicht nur mehr Vergleichbarkeit – sondern auch: mehr Verfügbarkeit.

Mehr Menschen, die „einsatzbereit“ sind – weltweit.

Es ist das gleiche Spiel wie damals, als Frauen plötzlich in den Arbeitsmarkt eintraten.

Nicht aus emanzipatorischem Geist allein – sondern weil die Löhne der Männer zu hoch wurden.

Die Frau wurde zum ökonomischen Druckmittel, das die Forderungen der Männer entwertete.

Und heute?

Heute scheint sich dasselbe Muster zu wiederholen –

nur auf einer anderen Bühne.

Nun sind es Frauen, deren Ansprüche nach fairer Bezahlung, Vereinbarkeit und Sicherheit durch billige Arbeitskräfte aus dem Ausland relativiert werden.

Die Ökonomie antwortet nicht mit Gerechtigkeit –

sie antwortet mit Import.

Mit Gleichmachung von unten, nicht mit Aufstieg für alle.

Und während man das mit Globalisierung und Effizienz tarnt, bleibt die Wahrheit dieselbe:

Der Mensch wird gerechnet – aber nicht geachtet.