[Ein kleiner Ausschnitt aus: Wirtschaftliche Prosperität und ihre Schattenseiten – Ein psychologischer Blick auf Erziehung]
Der Mensch als Zweck – nicht als Mittel
„Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen, jederzeit als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“
Ein Satz, so klar wie kühn.
So schlicht – und zugleich so revolutionär.
Kant erinnert uns: Der Mensch ist kein Werkzeug, keine Variable im Spiel anderer Interessen. Kein Mittel zum Zweck.
Sondern: ein Zweck in sich selbst.
Ein eigenständiges, selbstbestimmtes Wesen,
Auf dieser Idee beruhen nicht weniger als die Menschenrechte, wie wir sie heute in demokratischen Gesellschaften hochhalten
– zumindest auf dem Papier.
Aber: Wie wird man eigentlich zu so einem Menschen?
Zu jemandem, der sich selbst kennt – und andere nicht als Spielfigur oder Hindernis sieht, sondern als Gegenüber, als Mitmensch?
Haben Sie sich jemals gefragt, wie aus einem kleinen Baby ein Mensch wird, der sich selbst versteht – und andere achtet?
Wie ein Kind lernt, dass der andere kein Werkzeug ist, kein „Mittel“ zum Spiel, kein Mittel zur Aufmerksamkeit oder zum eigenen Vorteil?
Dass der andere nicht Objekt ist – sondern Subjekt.
Keine Bühne, sondern ein eigenes Leben.
Diese Entwicklung ist kein Automatismus. Sie ist kein Zufall.
Und sie ist alles andere als selbstverständlich.
Am Anfang…
…sieht das Baby seine Mutter nicht als Mensch. Nicht als Gegenüber.
Sondern als ein Anhängsel.
Ein Teil seiner selbst.
Ein verlängerter Arm, der nährt.
Der beruhigt.
Der hält.
Der schützt.
Die Mutter – ein Vehikel.
Ein Gehstock auf dem Weg in eine unsichere Welt.
Ein Instrument.
Ein Mittel zum Zweck.
Und tatsächlich:
Schon ganz früh beginnt das Kind,
mit der Mutter zu „arbeiten“.
Es lächelt – nicht nur aus Freude.
Es weint – nicht nur aus Schmerz.
Es beginnt zu „dirigieren“.
Zu testen.
Zu beeinflussen.
Wie ein kleiner Wissenschaftler, der ausprobiert:
Was passiert, wenn ich so gucke?
Oder so schreie?
Oder so lache?
Die Forschung spricht hier vom instrumentellen Verhalten.
Das Baby nutzt seine Mittel. Nicht aus Kalkül – sondern aus innerem Überlebensinstinkt.
Und wenn – ja, wenn – das Verhalten der Mutter nicht widersprüchlich ist,
wenn sie verlässlich reagiert,
dann entsteht etwas:
Ein erstes Gefühl von Kausalität.
Von Zusammenhang.
Von: „Wenn ich das tue – passiert das.“
Wenn ich weine – kommt Trost.
Wenn ich lache – kommt Wärme.
Das ist keine banale Erkenntnis.
Das ist die Grundlage dafür,
Vertrauen zu fassen.
In andere. In die Welt. In mich selbst.
Es ist wie eine Übergangsjacke.
Nicht zu leicht, nicht zu schwer.
Schützend in der Kälte des Neuen.
Wärmend, aber nicht einengend.
Und während all das geschieht, beginnt das kleine Kind, sich etwas abzuschauen.
Von der Mutter.
Von ihrem Ton. Ihrer Mimik. Ihren Gesten.
Wenn sie zum Beispiel streng den Kopf schüttelt – dann merkt sich das Kind:
„Ah. Das ist Nein.“
Und dann?
Dann ahmt es nach.
Verinnerlicht.
Übernimmt.
Und beginnt schließlich, selbst so zu handeln.
Es sieht ein anderes Kind weinen –
und bringt ihm seine eigene Lieblingspuppe.
Nicht irgendeine.
Nein – die, die ihm selbst Trost gibt.
Weil es noch nicht ganz unterscheiden kann:
Was ist meins – und was ist deins?
Die Egozentrik ist noch da.
Aber sie beginnt zu bröckeln.
Und dann kommt der Moment –
ein tiefer Moment der Erkenntnis:
„Ich bin ich. Und du bist du.“
Nicht nur körperlich.
Sondern geistig.
Emotional.
Du fühlst anders.
Du willst anderes.
Du bist ein eigenes Wesen.
Und genau hier…
genau hier beginnt Beziehung.
Nicht als Funktion.
Nicht als Zweck.
Sondern als Begegnung.
Einer hat das wunderschön gesagt:
„Ich bin nicht auf der Welt, um so zu sein, wie du mich haben willst.
Und du bist nicht auf der Welt, um so zu sein, wie ich dich haben will.
Wenn wir einander begegnen – ist das wunderbar.
Wenn nicht – dann eben nicht.“
Das ist die Geburt des Dialogs.
Die Geburt der Freiheit.
Und der Beginn dessen, was wir Erwachsensein nennen.