Seminar -2

[Ein kleiner Ausschnitt aus: Von der Inflation zur Eskalation – Warum wirtschaftliche Instabilität familiäre Gewalt und Sucht fördert]

Stellen wir uns ein Kind vor – vielleicht sieben Jahre alt –,

das einem Erwachsenen begegnet.

Für dieses Kind ist die Welt noch klar gegliedert:

Was der Erwachsene sagt, ist richtig.

Was ihm widerspricht – ist falsch.

Gerechtigkeit ist,

… was die Autorität anordnet.

Und Ungehorsam?

Ist gleichbedeutend mit Ungerechtigkeit.

Diese Perspektive beschreibt Jean Piaget in seiner Entwicklungspsychologie

als die erste Stufe des kindlichen Gerechtigkeitsempfindens –

typisch für Kinder zwischen 7 und 8 Jahren.

In dieser Phase ist die Moral noch fremdbestimmt:

Die Autorität steht über dem Begriff der Gerechtigkeit.

Piaget sagt: ‚Gerecht ist, was der Erwachsene befiehlt.‘

Doch hier bleibt es nicht stehen.

Zwischen dem 8. und 11. Lebensjahr beginnt sich das moralische Verständnis zu verändern.

Die Kinder entdecken,

… dass nicht nur die Anweisungen der Erwachsenen zählen,

… sondern dass auch Kooperation, Fairness und gegenseitiger Respekt

eine Rolle spielen.

Gerechtigkeit wird nun nicht mehr von außen verordnet –

sondern in der sozialen Interaktion ausgehandelt.

Diese Entwicklung hin zu gegenseitiger Anerkennung, Gleichwertigkeit

und zur freien Aushandlung von Regeln –

… steht im Kontrast zu einer anderen Vorstellung von Gerechtigkeit,

die tief in unserer westlichen Philosophie verwurzelt ist:

Platon.

In seinem Werk „Der Staat“ – die Politeia –

entwirft Platon ein streng hierarchisches Gesellschaftsbild:

Die Philosophen herrschen,

die Wächter schützen,

das Volk gehorcht.

Gerechtigkeit?

Bedeutet bei Platon:

Jeder kennt seinen Platz – und stellt ihn nicht infrage.

Gerechtigkeit wird zu einer Funktion der Ordnung –

nicht zum Ergebnis freier Diskussion.

Karl Popper hat diese Sichtweise scharf kritisiert.

In „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ nennt er Platon:

den ,,Propheten des Totalitarismus“.

Denn wenn Gerechtigkeit bedeutet, dass der Einzelne

nichts anderes tut, als seiner vorgegebenen Rolle zu folgen –

dann ist Tür und Tor geöffnet für autoritäre Systeme.

Popper stellt dem ein anderes Ideal entgegen:

Die offene Gesellschaft –

in der Menschen gleichwertig sind,

… Kritik erlaubt ist,

… und Gerechtigkeit aus Auseinandersetzung entsteht – nicht aus Gehorsam.

Doch Piaget macht eine beunruhigende Beobachtung:

Nicht wenige Erwachsene verharren noch in der ersten Periode.

Also in jenem Stadium,

in dem Autorität automatisch mit Gerechtigkeit gleichgesetzt wird.

Aber – wie kann man das verstehen?

Haben wir uns als Gesellschaft wirklich weiterentwickelt?

Oder führen wir diese kindliche Sichtweise lediglich

… auf einem höheren, komplexeren Niveau fort?

Ein Blick in die Psychologie des 20. Jahrhunderts

wirft beunruhigende Fragen auf.

In den 1960er Jahren führte der Psychologe Stanley Milgram ein Experiment durch,

das bis heute verstört:

Versuchspersonen sollten angeblich –

im Rahmen eines Lernexperiments –

anderen Menschen elektrische Schocks zufügen.

Die ‚Opfer‘ schrien.

Flehten.

Baten um Gnade.

Und dennoch:

Viele machten weiter.

Sie sahen auf die weiße Kittel-Autorität –

… und fragten:

‚Soll ich wirklich weitermachen?‘

Und sie machten weiter.

Nicht, weil sie grausam waren –

sondern, weil ihnen gesagt wurde, dass es richtig sei.

Einige Jahre später ließ Philip Zimbardo

Studenten ein simuliertes Gefängnis bewohnen.

Als ‚Wärter‘ und ‚Gefangene‘.

Schon nach wenigen Tagen entwickelten sich Szenen der Demütigung,

der Willkür, der Gewalt.

Die ‚Wärter‘ gewöhnte sich schnell an ihre Macht.

Und verloren ihr moralisches Gefühl.

Etliche Male wurden diese Experimente wiederholt

Auch nach dem II. Weltkrieg.

Weil man dachte, jetzt waltet Einsicht.

Und die Ergebnisse?

Erschreckend ähnlich.

Der Sozialpsychologe Robert Cialdini deutet sie als Beweis dafür,

wie tief wir Menschen darauf programmiert sind,

Autoritäten zu gehorchen –

selbst wenn unser Gerechtigkeitssinn protestiert.

Und so schließt sich der Kreis zu Piaget.

Seine These –

dass viele Erwachsene in einer frühen moralischen Entwicklungsstufe verharren –

wirkt heute nicht nur plausibel.

Sie ist erschreckend aktuell.

. . .

Also frage ich –

nicht nur rhetorisch, sondern ganz direkt:

Haben wir wirklich gelernt,

Gerechtigkeit von Autorität zu unterscheiden?

Oder sind wir – trotz all unserer Bildung und Aufklärung –

noch immer jene Kinder,

die glauben:  ‚Gerecht ist, was der Erwachsene befiehlt.‘

. . .

Stellen Sie sich nun vor, ich zeichne eine umgekehrte Parabel.

Sie beginnt flach … steigt sanft an … und erreicht irgendwann einen Punkt –

… an dem sich alles ändert.

Der Kipppunkt.

Der Moment, an dem ein System seine Stabilität verliert –

… und in eine neue Richtung kippt.

Solche Punkte gibt es überall:

Im Klima.

An der Börse.

In Revolutionen.

Und – auch in Gesellschaften.

Was … wenn auch die freiheitliche Grundordnung unserer Gesellschaft dieser Kurve folgt?

Was, … wenn es einen Punkt gibt,

… an dem zu viele Menschen Gerechtigkeit mit Gehorsam verwechseln?

Was, wenn das Ganze kippt?

Nicht nur individuell – sondern kollektiv?

Laut dem Pareto-Prinzip reichen oft 20 Prozent,

… um die Dynamik eines ganzen Systems zu verändern.

Wenn diese 20 Prozent in einer frühkindlichen Gerechtigkeitsvorstellung verharren –

… und sie beginnen, unser Denken, unsere Institutionen, unsere Politik zu prägen …

Dann entsteht etwas.

Etwas, das wir kennen.

Etwas, das uns erschrecken sollte.

Denn wo Gehorsam moralisch wird,

… wird Widerspruch unmoralisch.

Wo Autorität über allem steht,

… verliert Freiheit ihren Platz.

„Auf dieser Grundlage gedeihen keine Demokratien.

Keine freiheitliche Ordnung.

Und schon gar kein freier Markt.

Was entsteht, ist:

Faschismus.

Totalitarismus.

Oder autoritärer Kommunismus.

. . .

All diese Systeme beruhen auf einer einfachen, kindlichen Idee:

,Gerecht ist, was die Autorität befiehlt.‘

Und so kehren wir zurück zu Piaget.

Zur Frage, die uns nicht loslassen darf:

Sind wir als Gesellschaft wirklich über die erste Stufe hinausgewachsen?

Was für eine Kurve zeichnen wir,

– Tag für Tag,

– still und ohne es zu merken,

– mit unseren Entscheidungen, unseren Werten,

… und unserer Vorstellung von Gerechtigkeit?

Um zu verstehen, wie sich autoritäre Strukturen verfestigen –

nicht nur politisch, sondern auch ganz alltäglich –

hilft ein Blick in die Lerntheorie:

Genauer gesagt in die klassische Konditionierung.

Der Begriff stammt aus der Verhaltenspsychologie,

ursprünglich von Iwan Pawlow geprägt.

Er stellte fest, dass Hunde, die wiederholt einen Glockenton hören,

bevor sie Futter bekommen, irgendwann schon beim Ton zu sabbern beginnen –

auch ohne Futter.

Ein ursprünglich neutraler Reiz wird durch Wiederholung mit einem

unangenehmen oder angenehmen Erlebnis verknüpft –

bis er eine Reaktion automatisch auslöst.

Dieses Prinzip gilt nicht nur für Tiere.

Es gilt – subtiler, aber nicht minder wirksam – auch für Menschen.

Und – ganz besonders –

in hierarchischen Systemen.“

Stellen wir uns vor:

Ein Mensch bringt in einer Schule oder in einem Unternehmen

eine neue Perspektive ein.

Eine Idee. Eine kritische Frage. Einen anderen Blickwinkel.

Und er bekommt – immer wieder – die gleiche Reaktion:

Ein Augenrollen.

Ein genervter Kommentar.

Ein kalter Blick.

Eine abwertende Bemerkung vor dem Team.

Ein Gespräch hinter verschlossener Tür.

Mit der Zeit lernt dieser Mensch:

‚Wenn ich mich einbringe, wird es unangenehm.‘

Also sagt er – nichts mehr.

Ich selbst habe das in fünf Jahren Lehrtätigkeit an verschiedenen Schulen

in Salzburg & Umgebung immer wieder beobachtet.

Und so entsteht eine Kultur des Anpassens.

Eine Atmosphäre, in der Eigenständigkeit nicht gefördert,

sondern – unbemerkt – aberzogen wird.

Auch hier gilt wieder Piagets Beobachtung:

Wenn Gerechtigkeit mit Autorität gleichgesetzt wird,

… dann ist Denken gefährlich.

Und Schweigen wird zur Überlebensstrategie.

Wie frei kann eine Gesellschaft sein,

… wenn schon in ihren Schulen und Büros

Menschen verlernen zu sprechen,

weil sie gelernt haben zu gehorchen?