[Ein kleiner Ausschnitt aus: Von Bindungsmustern zu mentaler Freiheit – erste Grundlagen für die freiheitlich demokratische Grundordnung]
Stell dir eine Frage.
Nicht eine große politische Frage.
Keine über Gesetze, Systeme oder Wahlen.
Sondern eine ganz einfache:
Wie sieht ein Mensch aus, der Demokratie leben kann?
Ich meine nicht: der wählen geht.
Sondern: der zuhört, bevor er antwortet.
Der widersprechen kann – ohne zu verletzen.
Der einen anderen Standpunkt aushält, ohne Angst zu bekommen.
Wie entsteht so ein Mensch?
Man könnte sagen: durch Bildung. Durch Erfahrung. Durch Gespräche.
Aber das ist nur die halbe Wahrheit.
Denn diese Fähigkeit, frei zu denken und zugleich verbunden zu bleiben – sie wird nicht erst in der Schule gelernt.
Sie beginnt viel früher.
Die unsichtbare Schule: Bindung
Wenn ein Baby auf die Welt kommt, ist es völlig offen.
Es hat keine politische Meinung. Kein Weltbild. Kein „Ich“ im engeren Sinn.
Aber es hat etwas anderes: ein Bedürfnis nach Sicherheit.
Nach jemandem, der da ist.
Der tröstet, wenn es weint.
Der da bleibt, auch wenn es schreit.
Der nicht perfekt ist, aber verlässlich.
Und wenn das gelingt – wenn dieses Kind regelmäßig erfährt: „Ich bin gehalten, ich bin verstanden“ –
dann wächst etwas Unsichtbares in ihm:
Vertrauen.
Und aus diesem Vertrauen wächst später die Fähigkeit, anderen zu vertrauen.
Anderen zuzuhören. Andere nicht als Gefahr zu sehen.
Kurz: Demokratie beginnt mit Bindung.
Was passiert, wenn diese Bindung fehlt?
Wenn ein Kind stattdessen erfährt:
„Ich bin allein. Ich bin zu viel. Ich muss kämpfen, um gesehen zu werden“ –
dann wächst Misstrauen. Unsicherheit. Angst.
Und aus dieser Angst wird später etwas anderes:
Wut. Rückzug. Oder Radikalität.
Studien zeigen:
Viele Menschen, die extreme Parteien wählen oder in autoritären Weltbildern Trost finden, tragen in sich kein böses Herz
– sondern ein unsicheres Bindungsmuster.
Sie haben nie gelernt, wie es ist, in sich selbst sicher zu sein.
Und wer sich in sich selbst nicht sicher fühlt,
der kann auch in der Welt nicht sicher sein.
Jetzt kommen wir zu einer zweiten großen Kraft,
die Demokratie überhaupt erst möglich macht:
Mentalisieren.
Ein sperriges Wort – aber ein wunderschöner Vorgang.
Mentalisieren heißt:
Ich kann erahnen, was du denkst.
Ich sehe deinen Gesichtsausdruck
– und verstehe, dass da mehr ist als Worte.
Ich merke: Dein Zorn ist vielleicht Trauer.
Dein Rückzug ist vielleicht Angst.
Kinder beginnen damit im Alter von vier, fünf Jahren.
Aber nur, wenn sie in einer Umgebung aufwachsen,
in der sie selbst mentalisiert wurden.
Wo jemand versucht hat, zu verstehen:
Warum weinst du? Was brauchst du?
Ein Spiel mit Gedanken – das die Welt verändert
Stell dir vor, ein Kind verkleidet sich als Pirat.
Oder tut so, als wäre es eine Katze.
Das ist kein Blödsinn – das ist Training.
Denn im Rollenspiel lernt das Kind:
Ich kann in eine andere Rolle schlüpfen.
Ich kann so tun, als ob.
Ich kann denken, was der andere denkt.
Das ist der erste Schritt zu Empathie.
Zu Perspektivwechsel.
Zu dem, was Kant einmal so beschrieben hat:
„Der Mensch ist niemals Mittel, sondern immer Zweck.“
Ohne diese Fähigkeit, Gedanken als Gedanken zu erkennen, landen wir in einer Welt,
in der Meinungen gleich Wahrheiten sind.
In der jeder Angriff persönlich genommen wird.
In der Zuhören schwerer ist als Zuschlagen.